FENSTER St. Ulrich

Wie im Götzner Heimatbuch nachzulesen ist, zählen die Fenster der Pfarrkirche zu den bedeutendsten Westösterreichs. Im Jahre 1949 wurde die Gestaltung der Hochfenster im Langhaus und im Presbyterium dem akademischen Maler Martin Häusle aus Feldkirch übertragen. Häusle selbst bezeichnete die Kirchenfenster von Götzis als die Besten seines ganzen Schaffens. Die Fenster kamen in der Tiroler Glasmalereianstalt in Innsbruck zur Ausführung.

Je sechs Fenster schmücken eine Seite des Schiffes. Die beiden Fensterreihen werden von den vier Evangelisten angeführt. Den übrigen acht Hochfenstern liegt das Thema der „acht Seligkeiten“ (Mt5,3-11) zugrunde.

Kirchenfenster RECHTS
Mathäus
Don Bosco
Thomas Morus
Fidelis von Sigmaringen
Nikolaus von der Flüe
Markus



Kirchenfenster LINKS

Lukas
Monika und Augustinus
Elisabeth von Thüringen
Anna und Maria
Maria Goretti
Johannes






Die Leuchtenden Heiligen von Götzis
Der Fensterzyklus von Martin Häusle in der Neuen Pfarrkirche Götzis

Er solle die Figuren nicht zu schlank und nicht zu modern machen, schrieb der Landeskonservator an den Künstler Martin Häusle, der sich beim Wettbewerb um neue Glasfenster für die Pfarrkirche Götzis beworben hatte. Er würde sich ansonsten sehr für ihn einsetzen, doch allzu abstrakt sollen die Fenster nicht sein, hießt es dann weiter.

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte die Pfarrkirche zum hl. Ulrich neue Fenster. Die Gründe waren neben der Abnützung vermutlich Schäden aus der massiven Bombardierung von Götzis am Kriegsende. Aus diesem Grund wurde die Fenstergestaltung als künstlerischer Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich auch Martin Häusle beteiligte. Über die anderen Mitbewerber ist bislang nichts bekannt. Anfang 1946 erhielt Häusle den Auftrag unter Pfarrer Jakob Gut, der gegen viele Widerstände mit weitsichtigem Mut die Entwürfe Häusles durchsetzte. Mut brauchte er vermutlich schon in der Kunstkommission, in der auch der genannte Landeskonservator saß. Ein Blick in die Kirche macht deutlich, dass sich Häusle gerade nicht an die heimlichen Wünsche seines vermeintlichen Gönners hielt. Die Fenster sind all das, was dieser nicht wollte: schlank, modern und ziemlich abstrakt.

An dieser Stelle darf nicht vergessen werden, dass der neuromanische Bau (Baubeginn 1862) innen ursprünglich komplett ausgemalt war im sehr rückwärtsgewandten Stil der Historienmalerei. Die damalige Pfarrkirche könnte man von der Ausmalung her mit Dornbirn Hatlerdorf vergleichen. Es ist verständlich, dass nicht wenigen die modernen Fenster in der altertümlichen Kirche eine Faust aufs Auge waren. Heute sind wir dankbar für den Mut der damaligen Betreiber allen voran Pfarrer Gut. Nach der jüngsten Renovierung der Pfarrkirche kommen die Leuchtenden Heiligen umso besser wieder zur Wirkung, auch wenn die Lichtschlitze manchmal mit den Fenstern optisch konkurrenzieren. Es lohnt sich die Götzner Kirche zu verschiedenen Tageszeiten und mit unterschiedlichen Lichteinfällen zu besuchen. Die Häusle-Fenster verändern sich ständig und entwickeln immer wieder andere Licht- und Farbstimmungen.

Martin Häusle, geboren 1903 in Schlins und gestorben 1966 in Feldkirch, ist zweifellos einer der bedeutendsten Vorarlberger Künstler des 20. Jahrhunderts. Er beschäftigte sich mit verschiedenen Techniken (Ölmalerei, Aquarelle, Zeichnungen, Mosaike, Fresken) und Sujets (Landschaftsbilder, Portraits, religiöse Motive u.a.). Am bekanntesten wurde er allerdings als Glaskünstler und die farbigen Fenster in verschiedenen Kirchen wurden bald zu seiner Domäne. In Vorarlberg gibt es neben Götzis große Zyklen von ihm auch in Feldkirch Tisis, Bregenz Herz Jesu, Feldkirch Dom, Dornbirn Schoren und Feldkirch Levis. Der Kunsthistoriker Rudolf Sagmeister meinte zu diesen Glasfenster-Zyklen: "Da gibt es weltweit nichts Besseres - nur gleich Gutes!"

Der erste große Zyklus von Martin Häusle ist allerdings der in Götzis und er hielt ihn bis zuletzt auch für seinen besten. Als es um den Auftrag ging wandte er sich an die ausführende Tiroler Glasmalerei in Innsbruck wegen der vorrätigen Farben. Vermutlich wegen des Krieges gab es dort einen Brand im Glasmagazin, weshalb es im Antwortschreiben vom 17.1.1946 heißt: "Hauptsache ist also, dass Sie nicht große Stücke vorschreiben, da wir wie gesagt nur kleine Abfallstücke vorrätig haben." Die Kleinteiligkeit in der Zusammensetzung der einzelnen Figuren hatte demnach zuerst einmal ganz pragmatische Gründe. Es waren ganz einfach nur kleine Scherben vorhanden. Häusle jedoch macht daraus ein gestalterisches Prinzip. Durch die kleinteilige Komposition der Heiligenfiguren entsteht sehr viel Bewegung und Ausdruck. Formal dürfte Häusles Götzner Zyklus der ‚modernste' sein, der expressivste. Seine späteren Zyklen werden bunter und narrativer, sie erzählen mehr Geschichten. In reduzierter Konzentration be-schränkte sich Martin Häusle hier auf die Heiligenfiguren selbst, die er je nachdem zärtlich, wuchtig oder lodernd in die großen Fenster bannt. Er erzählt nicht die Geschichte der jeweiligen Heiligen, aber er stellt sie dar in dem, was sie für ihn bedeuteten. In diesem Sinn sind die Götzner Fenster in ihrer farbigen Wucht manchmal von fast schon abstrakter Expressivität, reduziert und konzentriert und gerade dadurch stark.

Martin Häusle war nicht nur ein großartiger Künstler, sondern auch ein tief religiöser Mensch, der seine Aufträge durchaus theologisch reflektierte. Viele Stunden soll er im Atelier mit seiner Gattin, einer promovierten Germanistin, über die Ausgestaltung derartiger Aufträge diskutiert haben. So ist sein religiöses Werk neben der künstlerischen Größe auch von einer manchmal fast genialen theologischen Durchdringung. Zweifellos gehört er zu den bedeutendsten religiösen Künstlern der Nachkriegszeit.

Markus Hofer


Nachtrag: Der Themenzyklus

In der ursprünglichen Ausschreibung des Kunstwettbewerbs waren Fenster zu den acht Seligpreisungen (je vier männliche und weibliche Heilige plus die vier Evangelisten in den Ecken) gefordert. In den mir zugänglichen Dokumenten des Häusle Archivs ist jedoch kaum einmal die Rede von klaren Zuordnungen zu den jeweiligen Seligpreisungen. Auch wenn später immer wieder solche Zuordnungen gemacht wurden, scheinen sie während der Arbeit Häusles keine so große Rolle mehr gespielt zu haben. Das Fenster der Maria Goretti z.B. ist zum Schluss erst aus Anlass ihrer Seligsprechung anstelle der hl. Agnes hinzugekommen. Wenn bei den früheren Zuordnungen Nikolaus von der Flühe für "Selig die Friedfertigen" steht, so ist das sehr plausibel. Wenn aber der Doppeldoktor Fidelis von Sigmaringen für "Selig die Armen im Geiste" stehen soll, dann wird es schon auch fragwürdig. Selbstverständlich kann man immer alles weit interpretieren, aber die Frage ist, was es dann noch soll. Persönlich wäre ich mit der Zuordnung der Seligpreisungen lieber zurückhaltend; wichtiger ist eher, die Bilder und Figuren als solche wirken zu lassen. Die Tatsache, dass der hl. Ulrich, der Kirchenpatron in den Fenstern fehlt, könnte allerdings schon mit dem ursprünglichen Konzept zu tun haben.




1966 - es war die Nacht zum Ostersonntag – starb Martin Häusle. Die Fenster in der Götzner Kirche gehören zu seinen herausragendsten Werken.


Martin Häusle war Vorarlberger durch und durch, und das im besten Sinne. 1903 in Satteins geboren und aufgewachsen, übersiedelte er bald nach Ende des 2. Weltkriegs mit seiner rasch anwachsenden Familie auf den Feldkircher Margarethenkapf. Isoliert von den künstlerischen Zentren und konfrontiert mit den materiellen Nöten eines Kunstschaffenden in der Nachkriegszeit, gelang es ihm dennoch, Kunst zu schaffen in der Provinz, ohne provinziell zu werden. Es gehört zum Lebensschicksal dieses Künstlers, dass er zeitlebens in einem Raum des „Dazwischen“ stand. Sein expressiver, am Seelenleben interessierter Malstil war überregional der noch radikaleren abstrakten Malerei gewichen, doch für hiesige Verhältnisse vielen schon zu modern und zu weit entfernt von einer realistischen Darstellung. Umso beachtenswerter ist, dass ein Großteil des Gesamtwerks von Martin Häusle im Auftrag der Kirche entstand. Künstlerisch aufgeschlossene Geistliche zählten zu seinen frühesten Förderern. Sie erkannten sein Talent und seine christliche Weltanschauung. Aber auch der Künstler selbst fühlte sich in seinem Bestreben der Sichtbarmachung geistiger Werte von den kirchli- chen Auftraggebern verstanden und geschätzt. Die Götzner Kirchenfenster, die vor 60 Jahren in Auftrag gegeben wurden, stellen den Beginn und ersten durchschlagenden Erfolg dieser fruchtbringenden Gemeinschaft dar. Anfangs des öfteren gegen Skepsis oder gar offenen Widerstand der Pfarrgemeinde ankämpfend, waren es die Vertreter der Kirche, die die moderne Bildsprache Martin Häusles verteidigten. Es galt neue Wege der Verkündigung zu finden. Die Glasmalereien der Pfarrkirche dienen so der Seelsorge, indem sie das Innere des Menschen anrühren sollen. Gegen Ende seines Lebens wurde Martin Häusle endlich jene öffentliche und materielle Anerkennung zuteil, die er sich auf Grund seines herausragenden künstlerischen Schaffens schon längst verdient hätte. 1966 wurde dem Künstler der Berufstitel „Professor“ zuerkannt. Er sollte die Verleihung nicht mehr erleben.

Es sind der Kirche und der Kunst Vorarlbergs auch in der heutigen Zeit solche Menschen zu wünschen, die unbeirrbar und wagemutig nach neuen künstlerischen Ausdrucksmitteln der Glaubensverkündigung suchen.

Othmar Lässer - Kunsthistoriker, Theologe - Hittisau






Die Bilder der Kirchenfenster wurden von Bernhard Häusle zur Verfügung gestellt.
Fotoaufnahmen © 2009 by Bernhard Häusle
http://www.martin-haeusle.de