Nikolaus von der Flüe




Der 2001 verstorbene Pfarrer Otto Feurstein hat nicht nur mit seinen Predigten, Bibelauslegungen* und seiner Liturgie ein kostbares Erbe und in der Konzilszeit in Götzis sein Herzblut und seine Gesundheit gelassen, sondern auch mehrmals von einem Kriegserlebnis an der Schweizer Grenze erzählt. Nach der raschen Eroberung Frankreichs habe seine Einheit 1940 zwischen Bellegarde und Genf auf den Einmarschbefehl gewartet. Damals habe ein Schweizer Soldat den Deutschen aus vollem Hals über die Grenze zugerufen: „Er chöndt wider go, er chönd üs nüt tuä - mer händ dä Bruader Chlaus!“ Den jungen Theologen und freiwilligen Sanitäter beeindruckte dieses Vertrauen zum Einsiedler im Melchaa-Graben sehr. (Hitler hat wie bekannt seine Pläne bezüglich der Schweiz tatsächlich fallen gelassen.) Der freie Bauer Niklaus von Flüe bei Sachseln im Urkanton Unterwalden, 1417-1487, hat die Eidgenossenschaft schon zu Lebzeiten mehr als einmal durch Wort und Beispiel gerettet, z.B. am 21. Dezember 1481 vor einem drohenden Bürgerkrieg. Eines der geradezu intimen Heiligen-Fenster Martin Häusles in der Götzner Kirche stellt den Ehemann und Einsiedler, Eremiten und Propheten des 15. Jahrhunderts dar. Das Bild aus der unmittelbaren Nachkriegszeit kommt ohne die üblichen Symbole aus. Kunstlos, mit seinen kräftigen, ja glühenden Farben ist es eine Zusammenfassung der kaum vergangenen Schrecken.

Da steht ein einfacher Mann, wie du und ich, in einfachem Gewand, mit einer Gebetsschnur. Ein Mann – Beter,Visionär und Faster von Jugend auf, als Soldat wie auf der Alp –, der nach zwanzig guten Ehejahren seinen Hof und zehn Kinder verlässt. In langen Gesprächen hat er das Einvernehmen mit seiner Dorothea erreicht (schon die Mutter hieß so). Er weiß, er hat eine andere Lebensaufgabe - aber welche? „Bruder Klaus“ macht sich auf den Weg zu gleichgesinnten „Gottesfreunden“ im Elsass. Vor Basel heißen ihn ein Standeskollege und ein Traum umkehren. Die kriegsgewohnte Eidgenossenschaft hat keinen guten Ruf, erfährt er - nicht in der Fremde, sondern daheim wird er sein Christentum leben. In 300 Meter Entfernung vom Hof, im Ranft, baut er sich eine Klause. Bald hört das Kopfschütteln auf. Man kommt von nah und fern um Rat, Hilfe und Heilung zu diesem von Gelehrten und Amtsträgern geprüften Einsiedler, dem das Fasten und Meditieren zur zweiten Natur geworden ist, während er mit beiden (bloßen) Füßen fest auf dem Schweizer Boden steht. Sein Glaube ist alles andere als Privatfrömmigkeit. Er korrespondiert mit den Mächtigen seiner Zeit. Aus einem Brief an den Berner Rat: „Fried ist allweg in Gott, denn Gott ist der Friede und Friede mag nicht zerstört werden. Unfriede aber wird zerstört. Darum sollt ihr schauen, dass ihr auf Frieden stellet …“ Er heilt - von Eifersucht, tödlichem Aberglauben und Geiz, aber auch von körperlicher Krankheit. Nach schweren Leiden stirbt Klaus 1487, Dorothea ist beim Sterben dabei. Bereits ein Jahr später gibt es mehrere Biographien. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wird der unverhoffte Friedens- und Gottesmann aus der Zeit vor der Glaubensspaltung auch offiziell ein Seliger, nach dem Grauen des Zweiten Weltkriegs, 1947, ein Heiliger. Vor 1948 schon findet der Wettbewerb für die durch die Kriegsereignisse zerstörten Götzner Fenster statt.

Willibald Feinig






Die Bilder der Kirchenfenster wurden von Bernhard Häusle zur Verfügung gestellt.
Fotoaufnahmen © 2009 by Bernhard Häusle
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